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Konspirative politische Arbeit im KZ: Riva Krieglová in Ravensbrück
Ein Portrait von Linde Apel

Nicht viele tschechische Jüdinnen haben das KZ Ravensbrück überlebt. Diejenigen, die vor 1942 nach Ravensbrück eingeliefert wurden, fielen der Tötung „Aktion 14 f 13“ in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg zum Opfer oder wurden im Oktober 1942 mit allen Jüdinnen nach Auschwitz deportiert.

Riva Krieglová im Gespräch mit Herma Röver,Foto: Linde Apel
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Viele dieser Frauen verdienten, hier porträtiert zu werden. An dieser Stelle möchte ich die Tschechin, Kommunistin und Jüdin aus Prag, Riva Krieglová, vorstellen. Sie war eine Weggefährtin des tschechischen Journalisten Julius Fučik, der nach der deutschen Besatzung untergetaucht war und später der illegalen Leitung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei angehörte. Am 24. April 1942 wurden Riva Krieglová und er bei einer Razzia verhaftet. Im Prager Pancrac-Gefängnis schrieb er seine Erfahrungen unter dem Titel „Reportage unter dem Strang geschrieben“ nieder, die in der Nachkriegszeit im Westen wenig, im Osten dafür viel gelesen wurden. Im August 1943 wurde er in Berlin zum Tode verurteilt und am 8. September 1943 in Plötzensee hingerichtet. Während Julius Fučik in der tschechoslowakischen Nachkriegszeit quasi zum Nationalhelden avancierte und heute noch an ihn erinnert wird, zog das Schicksal seiner Genossin Riva Krieglová keine große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie saß zunächst im Gestapo-Gefängnis Pancrac, später im Gefängnis am Karlsplatz ein, wurde anschließend in die Kleine Festung, dem Gefängnis der Gestapo in Theresienstadt überstellt und im Januar 1943 gemeinsam mit vielen anderen Tschechinnen aus dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung nach Auschwitz deportiert. Die Transportliste trug das berüchtigte Kürzel „R.U.“, die Abkürzung für „Rückkehr unerwünscht“. Die Frauen waren noch vor der Ankunft in Auschwitz dem Tode ausgeliefert. Gleichwohl musste Riva Krieglová u.a. im Außenlager Rajsko Zwangsarbeit im landwirtschaftlichen Versuchsgut leisten. Als sich der tschechische Staatspräsident Emil Hácha beim Höheren SS- und Polizeiführer Karl Hermann Frank erfolgreich dafür eingesetzt hatte, nichtjüdische Tschechinnen und Tschechen aufgrund der hohen Sterblichkeit nicht mehr nach Auschwitz zu deportieren und tschechische Häftlinge in andere Konzentrationslager zu verlegen, wirkte sich dies auch auf Riva Krieglovás Haftweg aus. Im August 1943, nach acht langen Monaten in Auschwitz, wurde sie mit einer Gruppe überwiegend nichtjüdischer Tschechinnen nach Ravensbrück deportiert. Damit war sie eine der sehr wenigen Jüdinnen, die im Jahr 1943 in Ravensbrück inhaftiert waren. Überwiegend waren zu dieser Zeit „jüdische Mischlinge“ und Jüdinnen mit Staatsangehörigkeiten neutraler und mit dem deutschen Reich verbündeter Länder in Ravensbrück interniert. Riva Krieglová blieb bis zur Befreiung im Stammlager und wurde nicht in ein Außenlager transferiert. Befragt nach ihren Lebensbedingungen in Ravensbrück antwortete sie mir folgendes: „Ich weiß nicht, ob jüdische Häftlinge in Ravensbrück, gleich wie in Auschwitz, isoliert wurden. Es mag sein, dass hier solche Absonderungen existierten, aber davon weiß ich überhaupt nichts. Ich bin Jüdin, aber in Auschwitz und dann auch in Ravensbrück wurde ich nicht wie eine Jüdin, sondern wie ein politischer Häftling, ein Widerstandskämpfer von den Nazis gehalten.“ Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass die Jüdin und Antifaschistin Riva Krieglová überlebt hat. Vielleicht stand ihr ein Schutzengel bei bzw. verfügte sie über die unerlässlichen Kontakte zu nichtjüdischen Mithäftlingen, auf die Jüdinnen in Ravensbrück dringend angewiesen waren. Sie arbeitete in einem Kommando auf der Lagerstraße, in dem jüdische und nichtjüdische Häftlingen eingesetzt waren und konnte sich dadurch im KZ in den engen Grenzen bewegen, die Häftlingen gesetzt waren. „Ich hatte den Spaten und den Besen und mit diesen ‘Waffen’ konnte ich in mehreren Blöcken arbeiten. Manchmal war es möglich, dass ich jemandem helfen und vor allem verschiedene Informationen und Verbindungen vermitteln konnte.“ Davon schrieb sie mir in einem ihrer Briefe, ohne Aufhebens um ihre konspirative Tätigkeit zu machen. Denn Riva Krieglová nutzte ihre etwas größere Bewegungsfreiheit, um im extrem reglementierten und kontrollierten Tagesablauf Informationen weiterzugeben und ihr bekannte Häftlinge zu unterstützen. Vor allem neu ins Konzentrationslager eingelieferte Häftlinge konnten nach der politischen Situation und dem Kriegsverlauf befragt werden. Diese Auskünfte wurden sofort an Vertraute weitergeleitet und aus ihnen versuchten die Frauen Hoffnung zu schöpfen für ein Leben nach der KZ-Haft. Riva Krieglová nutzte ihren Spielraum auch, um zu ihrer tschechischen Bezugsgruppe Kontakt zu halten. Sie bildete darüber hinaus das Zentrum einer kleinen Gruppe nichtjüdischer und jüdischer Genossinnen, Mitglieder der tschechischen KP, die unter ihrer Leitung heimliche kommunistische Schulungen abhielten. Die gemeinsame Weltanschauung, die Möglichkeit, zusammen zu kommen, miteinander zu diskutieren und sich zu unterstützen, war ungeheuer wichtig und gab ihren Kraft, im Gewaltsystem KZ zu bestehen. Der Hamburgerin und langjährigen Freundin von Riva, Herma Römer, ist es zu verdanken, dass die Schwerkranke am 55. Jahrestag des KZ Ravensbrück zum ersten Mal seit der Befreiung an den Ort ihrer Inhaftierung zurückkehrte. Anschließend schrieben wir uns zwar weiterhin, aber ihre Antworten wurden zusehends kürzer, und sie verbrachte immer längere Zeiten im Krankenhaus. Herma und ich hatten immer vorgehabt, sie in Prag zu besuchen. Leider ist es dazu nicht gekommen. Im April 2001 erhielt ich die Todesanzeige. Riva Krieglová ist mit 93 Jahren in Prag verstorben.