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32. Jahrgang                      Nr. 128                       September 2006




Editorial

Ein altes Sprichwort besagt: "Ein guter Freund beweist sich in der Not." Wir sagen: Eine gute Freundin erst recht. Die oft überlebenswichtigen Freundschaften im Lager waren lange Zeit kaum ein Thema für die breitere Öffentlichkeit. Wir fanden, dass es unbedingt in die rb gehöre und haben deshalb die aktuelle Ausgabe diesem Schwerpunkt gewidmet. Die Autorinnen beschäftigen sich mit dem Thema sowohl im Kontext von Solidarität und Freundschaft als auch anhand berührender Beispiele. Auffällig ist bei allen Beiträgen die Internationalität.
Neben diesen Beiträgen bewegt uns auf ganz andere Weise die politische Situation. Um nur einige Fakten aufzugreifen, seien erwähnt die nach wie vor unsichere Lage der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg in Prettin, das drohende finanzielle Aus der Beratungsstellen für Opfer rechtsmotivierter Gewalttaten in den östlichen Bundesländern, ein politischer Prozess gegen junge Antifaschistinnen und Antifaschisten in Potsdam, das Verbrennen des Tagebuchs der Anne Frank in Pretzien (Sachsen-Anhalt) sowie die skandalöse Rede des stellvertretenden Kulturstaatsministers Hermann Schäfer zur Eröffnung des Kunstfests in Weimar. Was soll man von einem Geschichtspolitiker halten, der in Weimar auf einer Veranstaltung "Gedächtnis Buchenwald" spricht und das Konzentrationslager, in dem insgesamt eine Viertelmillion Menschen aus ganz Europa inhaftiert waren, mit keinem Wort erwähnt? Das alles beunruhigt uns, und wir werden uns auch weiterhin dieser Probleme annehmen.

Allen, die uns per E-Mail erreichen wollen, sei die neue Adresse mitgeteilt: ravensbrueck@web.de
Wie immer verweisen wir darauf, dass namentlich gekennzeichnete Artikel nicht unbedingt der Meinung des LGRF-Vorstandes und des ravensbrückblätter-Redaktionsteams entsprechen müssen.

das rb-Team

Schwerpunkt der Ausgabe 4/2006: Kinder von KZ-Häftlingen









Ein eigener Raum, eine eigene Zeit
Der Wunsch nach Freundschaft und Intimität im Konzentrationslager


Im November 2004 fand in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ein Internationaler Workshop zum Thema „Freundschaften in der Hölle. Überlebensstrategien im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück 1939–1945“ statt. Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten im Lager unter Extrembedingungen geschlossene Freundschaften zwischen Häftlingsfrauen, intensive Verbindungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten, Berufe, sozialer Herkunft, unterschiedlicher politischer Auffassungen und Generationen. Neben all den Belastungen des Lagers entstanden in Ravensbrück auch zahlreiche Freundschaften, die oftmals ein Leben lang hielten. Doch wurden diese freundschaftlichen Beziehungen bisher kaum in der Forschung berücksichtigt. Der Workshop „Freundschaften in der Hölle“ bot erstmals ein Forum, sich über dieses Thema auszutauschen, es entwickelte sich ein konstruktiver Dialog zwischen ehemaligen Häftlingsfrauen, ihren Kindern und Enkeln und auch Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Als Referentin war ich zum Workshop eingeladen, um über „Kunst und Musik als Freundschaftswerk“ zu sprechen. Denn bei meiner wissenschaftlichen Studie zum Thema Musik als Überlebenshilfe in Ravensbrück stieß ich fast wie von selbst auf Freundschaften zwischen Häftlingsfrauen, die zusammenhielten und zusammenhalten mussten, wenn sie sich heimlich kulturell betätigen wollten. Der vorliegende Beitrag ist eine überarbeitete Fassung meines Vortrages auf diesem Workshop.

Kameradschaft - Freundschaft - Solidarität

Zunächst möchte ich kurz erläutern, warum ich die Beziehungen zwischen Häftlingsfrauen vorwiegend als freundschaftliche bezeichne, hingegen das häufig in Überlebensberichten zu findende Wort Kameradschaft selten benutze. Der Begriff Kameradschaft stammt aus dem Männerkontext des Militärs und meint ursprünglich eine soldatische Gemeinschaft. Meines Erachtens trifft er daher die Beziehung zwischen zwei oder mehreren Frauen nicht genau. Laut Definition des Internet-Lexikons Wikipedia bezeichnet Kameradschaft eine soldatische Gemeinschaft. Insbesondere bedeutet dies die Pflicht jedes Soldaten, seinem Kameraden unter allen Umständen, auch unter Lebensgefahr, beizustehen. Das besondere an der soldatischen Kameradschaft ist, dass sie nicht an persönliche Verbundenheit im Sinne von Freundschaft, Kumpelei oder Ähnliches gebunden ist, sondern von jedem Soldaten als Dienstpflicht gefordert wird. Im Konzentrationslager sprachen sich die Häftlinge mit Kamerad an, was offenbar von weiblichen Häftlingen übernommen wurde.
Amitié(Freundschaft) aus Zeugnisse von Violette Lecoq
Amitié(Freundschaft) aus "Zeugnisse" von Violette Lecoq

Die Bezeichnungen Solidarität bzw. solidarische Beziehungen tauchen in den Erinnerungsberichten von KZ-Überlebenden ebenfalls häufig auf. Solidarität meint das Zusammengehörigkeitsgefühl von Gruppen und Individuen, im weiteren Sinne auch von Staaten in Bündnissen. Solidarität äußert sich in gegenseitiger Unterstützung und Hilfe und ist eines der Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens. In der Arbeiterbewegung wurde Solidarität als Tugend der Arbeiterklasse (im Sinne von Brüderlichkeit) hervorgehoben
Um aber die Verbindung zwischen Frauen zu beschreiben, die sich in Ravensbrück gemeinsam kulturell betätigten, schienen mir die Begriffe Kameradschaft und Solidarität in den wenigsten Fällen passend zu sein, da sich Häftlingsfrauen ja nicht immer unter politischen Vorzeichen zusammenfanden. Der Begriff Freundschaft trifft den Kern dieser zwischenmenschlichen Beziehungen eher, denn im umgangssprachlichen Sinne manifestiert sich die Freundschaft in einem wechselseitigen, subjektiv wahrgenommenen Sympathiegefühl. Freundschaftliche Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit, implizieren Vertrauen und die Gewissheit, vom Freund oder der Freundin nicht hintergangen zu werden. Intensive Freundschaften können sich zu bedingungslosen Freundschaften entwickeln. Vermutlich gab es in der Realität des Lageralltags aber auch Beziehungen, die Mischformen aus Kameradschaft, Freundschaft und Solidarität waren bzw. fließende Übergänge.

Freundschaft als Basis für kulturelle Aktivitäten – Kultur als Stifterin von Freundschaften

Kulturelle Betätigungen – zumal in größeren Gruppen – waren in Ravensbrück nur auf der Basis von Freundschaften möglich. Häftlingsfrauen schufen sich „kleine Fluchten“ beispielsweise mit Gesang und Musik, jenseits oder trotz der Verbote und Reglementierungen, der Angst und Brutalität, des Hungers und der Zwangsarbeit. Eindrücklich zeigen ihre Berichte, dass ohne das Vertrauen in eine Gemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlten, und ohne gegenseitige Hilfe nicht eine einzige heimliche Veranstaltung auf einem Block hätte durchgeführt werden können. Zahlreiche Beispiele dokumentieren, dass es in der Regel schwerste Strafen nach sich zog, wenn heimliche Veranstaltungen entdeckt oder verraten wurden. Die daran beteiligten Frauen mussten also darauf achten, dass sie nicht erwischt wurden. Meistens fanden Aktivitäten in Ravensbrück in kleinen, seltener in größeren Gruppen in einem Block statt. Frauen kamen zusammen, um gemeinsam in ihrer Muttersprache zu singen, Gedichte zu rezitieren oder Geschichten zu erzählen, um zu tanzen oder zu beten. Manchmal wurden regelrechte Programme mit Tanz, Gesang und szenischem Spiel zusammengestellt und vor „eingeladenem Publikum“ aufgeführt. Oft präsentierten einzelne Frauen oder Gesangsgruppen spontan ein Lied, beispielsweise abends im Schlafraum eines Blocks, wenn das Licht bereits abgeschaltet war, sich aber keine Ruhe unter den Gefangenen einstellen wollte.
Manchen Aufführungen gingen hingegen wochen- oder gar monatelange Vorbereitungen und Proben voraus, z.B. wenn in bescheidenem Maße Kostüme und schmückendes Beiwerk für ein „szenisches Spiel“ mit Gesangseinlagen hergestellt wurden. Die beteiligten Häftlingsfrauen hatten für die Vorbereitungen nur ihre kostbare „Freizeit“ zur Verfügung, in der sie sich von der Zwangsarbeit erholen sollten, doch aus ihren Erinnerungen geht hervor, dass die Vorbereitungen einer „Veranstaltung“ keine Anstrengung für sie bedeutete, sondern sogar eine Bereicherung in ihrem ansonsten harten Lageralltag darstellte. Die Planung einer heimlichen Vorstellung erforderte Mut, Behutsamkeit, Umsicht und „gute Beziehungen“ zu anderen Häftlingsfrauen, die wichtige Utensilien „organisieren“ konnten. Immer waren an der Umsetzung einer geplanten Aufführung mehrere Frauen beteiligt. So festigten sich unter ihnen Freundschaften und gegenseitiges Vertrauen. So trugen diese Aktivitäten dazu bei, dass Freundschaften zwischen Häftlingsfrauen entstanden, die tragfähig und kulturübergreifend waren und für das Überleben von großer Wichtigkeit waren. Viele dieser so entstandenen Freundschaften haben sich weit über die Lagerzeit hinaus gehalten.

Ein Lied, ein Gedicht, eine Handarbeit oder ein Tanz konnten einer Freundin zum Geschenk gemacht werden. Häufig erwähnen Zeitzeuginnen dies in ihren Berichten, z.B. das Singen als Dank oder Geschenk an eine Lagerfreundin: Es sollte ihr Freude bereiten, sie trösten oder aus ihrer Verzweiflung befreien. Es gab zahlreiche Situationen, in denen das Lieblingslied der Freundin für sie gesungen ein ganz persönliches Geschenk war. Die polnische Sängerin Zofia Rys war vielen Ravensbrückerinnen im Lager bekannt, weil sie jung und hübsch war und eine sehr schöne Stimme hatte. Gegenüber der SS trat sie selbstbewusst auf, und sie gab heimlich für Freundinnen in anderen Blocks Konzerte. Sie selbst hatte sich mit den Sängerinnen Marguerite Solal aus Frankreich und Madame Bergère aus Belgien angefreundet. Marguerite Solal brachte Zofia Rys die Arie O silence! ô bonheur! ineffable mystère! aus Charles Gounods Oper Margarethe bei, die sie im Duett sangen. Mit Tränen in den Augen erinnerte sich Zofia Rys im Interview daran, dass es „schöne, schöne Stunden“ waren, wenn ihr Marguerite Solal etwas vorsang. Die beiden Frauen schufen sich kostbare Momente von Privatheit und eine ganz besondere Form der Nähe, die sich beim gemeinsamen Singen oder füreinander Singen einstellen können. Auf eine tragische Weise dichter und noch intensiver waren die Momente, wenn das Singen zu einem letzten Freundschaftsdienst wurde wie am Vorabend der Hinrichtung von Häftlingsfrauen. Für sie zu singen und zu rezitieren, kostete Zofia Rys enorme Kraft. Es gibt wohl kaum eine Situation im Leben, die intimer ist, als die letzten Stunden vor dem eigenen Tod, an dem man am liebsten nur die engsten Vertrauten um sich haben möchte.

Sehnsucht nach Nähe und Intimität – Zweierfreundschaften

Gab es im Konzentrationslager überhaupt noch so etwas wie Privatheit und Intimität unter den Gefangenen? Meines Wissens wurde zu dieser Frage noch nicht eigens geforscht, doch anhand von Überlebensberichten und u.a. durch die soziologische Studie von Wolfgang Sofsky „Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager“ lässt sich belegen, dass mit der Einlieferung in ein Konzentrationslager der Verlust von Privatheit und Intimität einherging. Die Gefangenen sollten zu eine „grauen Masse von Nummern“ werden, die Absicht der SS war, die Individualität und Autonomie der Gefangenen – beides sind Merkmale von Privatheit – zu zerstören. Paradoxerweise gehörte dazu allerdings, den Gefangenen eine Form von „Zwangsintimität“ zuzumuten, d.h. durch den Verlust der Privatsphäre gab es keinen Schutz mehr vor den Blicken der anderen bei ansonsten intimen Handlungen wie bei der Verrichtung der Notdurft, bei Waschsituation, Demütigungen und Folter in aller Öffentlichkeit, im Krankheitsfall oder kurz vor dem Tod.

Obwohl die Gefangenschaft im Lager bedeutete, Privatheit und Intimität aufgeben zu müssen, gab es auf Seiten der Gefangenen weiterhin die Sehnsucht nach Privatheit und Nähe sowie Wünsche nach Intimität und Zweisamkeit. Und sie schufen sich solche Momente im Lageralltag, deren Grad an Nähe den der Freundschaftsebene noch überstieg und in den Bereich des Intimen überging. Der Psychotherapeut Tom Levold schreibt, dass es verschiedene Dimensionen des Begriffes Intimität gibt. Er bezeichnet Intimität als „historisch und kulturell variables Intersubjektivitätserleben [...], welches einen eigenen Raum und eine eigene Zeit zu seiner Entfaltung benötigt und nicht unabhängig von seiner sprachlichen Thematisierung und seinen geschlechtsspezifischen Beziehungsmodi verstanden werden kann.“ (Levold 1998, S. 47) Levold unterscheidet verschiedene Formen von „Intimität“: die emotionale, sexuelle, soziale, intellektuelle, ästhetische, spirituelle und die freiheitsbezogene Intimität. Der Wunsch nach einer intensiven, intimen Beziehung musste demnach nicht zwangsläufig sexuell gemeint oder konkret gelebt werden. Möglich waren auch intime emotionale oder intellektuelle Freundschaften zwischen zwei Frauen.
Bedingt durch den Schwerpunkt meiner Forschungsarbeit über Musik in Ravensbrück habe ich mich vorwiegend mit Frauenfreundschaften befasst, in denen Musik eine besondere Rolle spielte, die aber ansonsten auch durch andere Faktoren bestimmt wurden wie gleiche Herkunft, gleiche Interessen und/oder gleiche politische Ziele. Die Musikliebe auf beiden Seiten brachte jedoch eine eigene Dimension und Qualität in die Zweierbeziehung, die ich als ästhetische Intimität bezeichne. Darunter verstehe ich die geteilte Freude an als schön empfundenen Dingen, die Entwicklung eines gemeinsamen Geschmacks oder Stils und jede gemeinsame ästhetische Praxis des Kunst-, Musik und Kulturerlebens. Einige Beispiele dieser Frauenfreundschaften möchte ich vorstellen.

In einer Nacht im Sommer 1943 traf sich Clara Rupp heimlich mit einer Freundin, deren Namen nicht überliefert ist, hinter einem Block in Ravensbrück, als der Himmel und der Mond besonders schön anzusehen waren, und sie sangen leise gemeinsam „Guter Mond, du gehst so stille“, auch wenn sie Angst hatten, erwischt zu werden. Clara Rupp erinnert an diese Begebenheit durch ihren Eintrag in ein kleines, im Lager gebasteltes Buch. Dort ist zu lesen: „Vergiss nicht jene schöne Mondnacht im Jahre 1943 und Cläre Rupp. Ravensbrück, den 3. 4. 1945, am 10. Jahrestag meiner Haft“ (vgl. Knapp 2003, S. 250).

Margarete Buber-Neumann und Milena Jesenska verband eine tiefe Freundschaft, der Margarete Buber-Neumann mit ihrem Buch „Milena. Kafkas Freundin“ ein Denkmal setzte. Ursprünglich hatten sie geplant, gemeinsam ein Buch über ihre Erlebnisse in Ravensbrück zu schreiben, doch Milena Jesenska starb im Mai 1944 in Folge einer Nierenoperation. Beide Frauen verband, dass sie zunächst Kommunistinnen gewesen waren, sich dann aber von der Partei lossagten. Beide waren vor ihrer Verhaftung politisch aktiv gewesen und hatten journalistisch gearbeitet. In Ravensbrück schlossen sie Freundschaft und stellten sich als Anti-Stalinistinnen mit ihren politischen Ansichten gegen die alten Kommunistinnen und ihre Ideale und wurden dafür von ihnen gehasst (vgl. Buber-Neumann 1977, S. 25).
Margarete Buber-Neumann und Milena Jesenska verband über ihre gemeinsame intellektuelle Beziehung hinaus auch die Liebe zur Musik. Milena Jesenska hatte in Prag für kurze Zeit Musik studiert und liebte die tschechische Musik als Ausdruck ihrer „Volksseele“. Als sie Margarete Buber-Neumann in Ravensbrück kennenlernte, bat sie sie, ihr russische Lieder vorzusingen. Um sich im Lager zu verständigen oder heimlich zu treffen, pfiffen sie als Erkennungszeichen die Melodie eines der Lieblingslieder von Milena Jesenska: „It´s a long way to Tipperary“. Margarete Buber-Neumann lernte von ihrer Freundin zeitgenössische Schlager kennen, die ihr bis dahin unbekannt gewesen waren. Sie erinnert sich: „Einer hatte es uns besonders angetan: »Der Wind hat mir ein Lied erzählt von einem Glück unsagbar schön...« Noch jetzt, nach 20 Jahren, versetzt mich diese Melodie zurück in das erste Jahr der Freundschaft mit Milena, diese unwirkliche Zeit, in der wir beide, Gefangene unter Gefangenen, in einer eigenen, ganz erfüllten Welt lebten. Jede Geste, jedes Wort, jedes Lächeln war bedeutungsvoll. Immer getrennt und doch so nah beieinander, immer in Erwartung einer kurzen Begegnung wurde selbst das Bim-Bim-Geläute einer kleinen Eisenbahn, die hinter der Lagermauer entlangfuhr, wenn wir beim Zählappell standen – Milena einige hundert Meter entfernt von mir –, eine liebevolle Botschaft von einem zum anderen. In diesem Dasein ohne Zukunft, nur der Gegenwart hingegeben, lebten wir mit allen Sinnen die Tage, Stunden und Minuten.“ (Buber-Neumann 1977, S. 240f.)

Ein weiteres Frauenpaar, das u.a. die Musik verband, sind Hetty Voûte und Gisela Söhnlein, die sich, als sie von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, Pooh und Piglet nannten. Sie verhalfen in den Niederlanden jüdischen Kindern zur Flucht. Mit Hilfe ihre Pseudonyme, die sie sich nach dem Kinderbuch „Winnie the Pooh“ von Alexander Milne gegeben hatten, war es ihnen als Häftlingsfrauen in Gefangenschaft möglich, heimlich Nachrichten, Briefe und Beschreibungen der täglichen Ereignisse auszutauschen. Corinna Pless, die ein Buch über Pooh und Piglet schrieb, interviewte die beiden über ihre Freundschaft und zitiert sie:
„Ich bin Pooh. Aber Pooh heißt wirklich Hetty Voûte. Aber im Gefängnis haben wir einander schon Pooh und Piglet genannt. Pooh ist ein Bär. Und der Bär hat wenig Verstand. Ohne Piglet war Pooh nichts. Aber wenn Piglet da ist, ist Pooh sehr klug. Und macht unverständliche Sachen. Aber es kommt am Ende immer gut. Erst nach unserer Verhaftung ist wirklich die Freundschaft so geworden. Nicht nur im Lager – auch später sind wir immer Pooh und Piglet geblieben. Die Freundschaft ist für immer gewesen. - Ich bin Piglet. Ich weiß immer nicht so gut. Ich bin so ein bisschen nervös. Piglet ist ein bisschen ein Schatten von Pooh. Ist immer ein bisschen ängstlich. Und die Ohren zittern, und die Beine zittern, aber zusammen mit Pooh kommt alles auch wieder gut. Und mein Name ist Gisela Söhnlein.“ (Pleß o.J.)
Als „P+P“ verfassten Hetty Voûte und Gisela Söhnlein alias Pooh und Piglet im Frauen-Konzentrationslager Vught Lieder und Parodien auf bekannte Melodien. Ihr Gesang wurde für sie auch im Konzentrationslager Ravensbrück zur Überlebenshilfe. Ein weiteres Zitat von Corinna Pleß über die Beziehung von P+P:
“Am Rande des Abgrunds klingen ihre Lieder wie Psalmen nach bekannten, einfachen Melodien. Ihre selbst verfassten Gedichte, Verse und Parodien fangen etwas von der Stimmung ein, mit der es Pooh und Piglet hinter Gittern gelingt, ihr Gefängnis in einen lebenswerten Ort zu verwandeln. Beinahe fröhlich erzählen sie von Schmerz, Leid, Not und Hoffnung in der Gefangenschaft. Indem sie die Grausamkeit der Wirklichkeit verkleiden und verkleinern. Was sie sehen und erleben, wird mit Hilfe der Kraft der Poesie ein Stück Welt, die sie sich schaffen und bewahren können. Ein Spielraum, wo Platz ist, für eine eigene Sicht der Dinge. Ein geistiger Standort, der genau dort zu suchen und zu finden ist, wo man gerade geht und steht.“ (Ebd.)

Raum und Zeit als Grenzziehung

Jede Frauenbeziehung im Konzentrationslager war anders und war geprägt von individuellen Persönlichkeiten. Als ein verbindendes Element lassen sich aber der Wunsch und wiederholte Bemühungen beobachten, sich Räume von Privatheit zu schaffen und Zeit füreinander zu finden, in der Vertrautheit zu leben möglich war. Ein gemeinsamer Raum – wohl eher in metaphorischem Sinne – als Rückzugsmöglichkeit; die gemeinsame Zeit – zumeist nur kurze, kostbare Momente – als Möglichkeit, Nähe und Intimität zu erleben. Das Schaffen eigener Räume und Zeiträume diente der Abgrenzung gegenüber der Lagerwelt, indem die Freundinnen miteinander Erfahrungen von Exklusivität machen konnten, mit denen sie sich ihre eigene Welt schafften. Die Musik hatte als verbindendes Freundschaftsband zusätzlich intensivierende emotionale Funktionen. Gemeinsames Singen oder Musizieren machte nicht nur Freude, es konnte auch zu besonders tiefgreifenden Erlebnissen wie dem gemeinsamen Verschmelzen in der Musik oder gemeinsamen transzendentalen Erfahrungen führen, die häufig mit gemeinschaftlichem Musikerleben einher gehen (vgl. Oerter 1993, S. 262). Es wäre den Frauen, die in Ravensbrück freundschaftlich und musikalisch miteinander verbunden waren, nur zu wünschen, dass sie solche Erfahrungen von Nähe und Intimität häufig im Lager machen durften.


Gabriele Knapp

Literatur:
Buber-Neumann, Margarete: Milena. Kafkas Freundin. München Wien: Georg Müller Verlag 1977.
Knapp, Gabriele: Frauenstimmen. Musikerinnen erinnern an Ravensbrück. Berlin: Metropol 2003.
Levold, Tom: Intimität. Theoretische und klinische Aspekte. In: Systeme, Jg. 12, Heft 1, 1998, S. 37–53.
Oerter, Rolf: Handlungstheoretische Fundierung. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.), Musikpsychologie. Ein Handbuch. Reinbek: Rowohlt 1993, S. 253–267.
Pleß, Corinna: Zwei Frauen im Konzentrationslager Herzogenbusch-Vught. Unveröff. Manuskript einer Rundfunksendung für den Westdeutschen Rundfunk, o.J.
Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager. Frankfurt/M.: Fischer 1993.
Internetquellen (geprüft am 16.08.2006):
Rössler, Beate: Der Wert des Privaten. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Save Privacy. Grenzverschiebungen im digitalen Zeitalter. Dokumentation einer Konferenz am 7./8. Juni 2002 in Berlin. [http://www.boell.de/downloads/medien/save_privacy_reader.pdf]
Stichwort Solidarität: http://solidaritaet.adlexikon.de/Solidaritaet.shtml
Stichwort Freundschaft: http://de.wikipedia.org/wiki/Freundschaft
Stichwort Kameradschaft: http://de.wikipedia.org/wiki/Kameradschaft


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„Meine liebe Titoline“
Mara Čepič und Rosa Jochmann, eine Freundschaft in Briefen


Mara Čepič und Rosa Jochmann lernten sich Ende 1941 im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück kennen. Mara Čepič war Anfang November 1941 von Maribor/slowenische Steiermark nach Ravensbrück deportiert worden. Nach einer kurzen Zeit im Zugangsblock verlegt sie die Lagerleitung in den Block 1, in dem Rosa Jochmann Blockälteste war. Zu den Hintergründen schrieb sie: „In den Block 1 kam ich sofort nach einer Woche, weil eine deutsche Kommunistin im Empfangsbüro in meiner Akte den Hinweis ‚KPJ’ gesehen hatte und sofort arrangierte, dass sie mich auf ihren Block verlegten, den so genannten Block 1.“
Rosa Jochmann (geb. 1901) wurde 1940 ins KZ Ravensbrück gesperrt. Sie blickte da bereits auf ein politisch aktives Leben als engagierte österreichische Sozialdemokratin und Gewerkschafterin zurück. Nach wenigen Wochen im KZ Ravensbrück wurde sie die Blockälteste des so genannten „Musterblock 1“ (später Block 3). Gemeinsam mit anderen gelang es ihr, dass in diesem Block bald überwiegend deutsche und österreichische politische Häftlinge zusammen untergebracht waren. In der Position der Blockältesten blieb sie bis zum Frühjahr 1943. Die Denunziation einer Mitgefangenen, laut der sie mit einem selbst gebastelten Gerät Radionachrichten hörte, hatte zur Folge, dass sie monatelang in den Bunker gesperrt sowie als Blockälteste abgesetzt wurde.
Mara Čepič (geb. 1895) war bereits seit 1937 eines der wenigen weiblichen Mitglieder der damals in Jugoslawien verbotenen Kommunistischen Partei. Von Beruf war sie Fremdsprachen- und Musiklehrerin. Sie war geschieden und lebten mit ihren drei Söhnen alleine. Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie mehrfach als Sängerin (sie sang Mezzosopran) aufgetreten. Neben etlichen anderen Sprachen, beherrschte sie auch das Deutsche nahezu perfekt.
Diese beiden Frauen entwickelten während ihrer Haftzeit im KZ Ravensbrück trotz einiger biographischer und politischer Unterschiede eine enge Freundschaft, die sie in der Nachkriegszeit bis zum Tode Mara Čepičs im Jahr 1982 in regelmäßigen Briefen und gelegentlichen Treffen fortsetzten. Sie schrieben sich über alltägliche Begebenheiten ebenso wie über politische Ereignisse, einen besonderen Raum nahmen dabei rechtsextreme Tendenzen in Europa ein. Auch berichteten sie einander von kulturellen Veranstaltungen und besuchten Ausstellungen. Sie schrieben sich auch über erfreuliche sowie weniger erfreuliche Angelegenheit um ehemalige Mitgefangene. Zum Beispiel besprachen sie schriftlich, wie einer ehemaligen slowenischen Blockältesten, die im Nachkriegsjugoslawien von ihren früheren Mitgefangenen für ihr angeblich nicht korrektes Verhalten im KZ übel angegriffen wurde, zu helfen wäre. Mara Čepič schrieb in diesem Zusammenhang an Rosa Jochmann: „Rosl, ich kann nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die andere so bewusst ins Unglück stürzen.“ Abschließend bittet Mara Čepič sie: „Und darum, liebe Rosl, schreibe eine kurze Bestätigung, dass du niemals gehört hast, dass sich Mici Vovk unanständig benommen hätte, da Du ja auch Blokova warst, und dass bestimmt gewusst hättest oder so ähnlich.“
Auch an familiären Ereignissen im Leben der jeweils anderen nahmen sie regen Anteil. Eine unbeteiligte Leserin spürt sofort den hohen Grad an Vertrautheit und das tiefe Verständnis zwischen beiden Frauen, dass in der Extremsituation Konzentrationslagerhaft entstanden war. So schrieb Rosa Jochmann im Jahr 1972 an Mara Čepič über die Folgen der Lagerhaft: „Ja, unsere Herzen streiken alle, denn sie wurden zu sehr beansprucht und das was wir nach 1945 erlebten, war sehr selten Grund dazu, dass wir uns freuen konnten […]. Du hast recht, man gibt uns den guten Rat, dass wir vergessen sollen, oft aber genügt ein Ton, eine Stimmung am Firmament, eine Stimme, ein Blick, der Gang eines Menschen, irgendeine Kleinigkeit und schon ist man wieder dort in Ravensbrück, wir sind für immer Verurteilte und können uns selbst nicht freisprechen.“
Wie groß das Vertrauen und auch die Anteilnahme zwischen ihnen waren, wird besonders deutlich in Briefen, die nach dem Tod von Cilly Herten, der langjährigen Freundin von Rosa Jochmann gewechselt wurden. Auch diese Freundschaft bestand seit der Zeit im KZ Ravensbrück. Im Jahr 1975 schrieb Rosa Jochmann an Mara Čepič:
„Auch dass hattest du erkannt, ich habe am Semmering meine beste Rolle gespielt, denn in mir sah es anders aus, aber das konnte ich doch nicht zeigen und außerdem wusste ich, dass Cilly es hätte haben wollen, dass ich stark bleibe und so habe ich mich selbst gewundert, dass es gelungen ist.“ Wie weit das Verständnis für einander reichte, zeigt der Brief nur einen Absatz später, wenn Rosa Jochmann weiter schreibt: „Aus Deinen Briefen wusste ich ja, das auch du schwere Sorgen zu tragen hast und auch Du hast uns nur eine lachende Titoline gezeigt, nach dem Grundsatz (er galt wohl für uns beide) ‚ich habe oft gelacht, um nicht zu weinen’ […].“
Die Briefe zeigen einmal mehr, dass die im Lager über nationale und politische Grenzen hinweg entstandenen Freundschaften mitunter ein Leben lang bestanden hatten. Aus dem Nachlass von Mara Čepič ist ersichtlich, dass sie mit vielen ehemaligen Mitgefangenen in regelmäßigem Briefkontakt stand. Mit diesen unzähligen Brieffreundschaften war sie sicherlich keine Ausnahme. Umso bedauerlicher erscheint es mir, dass sich diese internationalen Freundschaften, die aufgrund gemeinsamer Erlebnisse im Lager entstanden sind, nicht deutlicher in den veröffentlichten Erinnerungen widerspiegeln. Diese sind häufig, wie zum Beispiel bei Rosa Jochmann und bei Mara Čepič, ohne die namentliche Nennung von Mitgefangenen. Trotz der häufig postulierten Internationalität bleiben Veröffentlichungen viel zu oft in einem nationalen bzw. staatlichen Raster und namentlich genannt werden da ausschließlich Frauen der eigenen Nationalität bzw. Staatangehörigkeit. Obwohl die vielen langjährigen Brieffreundschaften da eine deutlich andere Sprache sprechen.

Silvija Kavčič

Die Autorin ist promovierte Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten: Südost- und Osteuropäische Geschichte, das System der Konzentrationslager, Europäische Nachkriegsgeschichte, Biographie- und Genderforschung.
Ihre Dissertation erscheint 2006 unter folgendem Titel: „Überleben und Erinnern. Slowenische Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück“ beim Berliner Metropol-Verlag


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„Ich hatte Glück!“
Drei Freundinnen fürs Leben:
Irmgard Konrad, Margita Schwalbová und Marie-Claude Vaillant-Courturier


Irmgard Adam wurde am 14. November 1915 in Breslau geboren. Früh war sie bei den „Arbeiterkinderfreunden“, dann bei den Roten Falken, beim Sozialistischen Jugendverband und schließlich in der Sozialistischen Arbeiterpartei organisiert. In der Arbeiterjugend begegnete sie ihrem späteren Mann Fritz Konrad. 1933 engagierte sie sich in der „Roten Hilfe“ und wurde erstmals von der Gestapo verhaftet. Seit 1935 galt sie als Halbjüdin, ihr Vater war Jude. Ab 1941 musste sie den gelben Stern tragen. Vom „jüdischen Arbeitsdienst“ weg wurde sie im Dezember1942 zur Gestapo vorgeladen. Nach mehreren Wochen Einzelhaft kam sie nach Auschwitz. „...Ich fiel auch unter die Nürnberger Gesetze und ich musste den Judenstern tragen…Und nun hab ich mir das einfach weggemacht und war, wie ich nach Auschwitz kam, ohne Stern. Dadurch kam ich nicht auf den jüdischen, sondern ich kam auf Block 10. Das war der deutsch-politische Block. Ich kriegte nicht die Haare ab, ich wurde nicht tätowiert.“ Sie wurde anfangs als Irmgard Adam ohne den Namenszusatz Sarah geführt. Noch im Winter bekam sie Typhus: „…und wie ich dran war, von der Ärztin untersucht zu werden, und sie sieht meinen Körper, sagt sie, siehst Du die hat den richtigen Flecktyphus…Ich hörte, dass ich Typhus hab und fing an, bitterlich zu weinen. Und sie kam an mein Bett, die Ärztin, die Manzi und sagte: Du hast ein gutes Herz. Das wirst Du überstehen.“ Dies war die erste Begegnung zwischen Irmgard und Margita Schwalbová, die - damals Medizinstudentin – mit einem Transport slowakischer Jüdinnen 1942 nach Auschwitz kam und dort als Häftlingsärztin arbeitete. „…Manzi hat mir dann das Leben gerettet…Sie hat mir zweimal das Leben gerettet…Einmal, wie ich im hohen Fieber(war), wurde sie unruhig. Und von dem bisschen, was sie hatte…gab sie mir ein Herzmedikament, dass ich wieder zu mir kam. Und so hab ich’s überlebt.“ Während Irmgard mit dem Typhus kämpfte, kam ihr Schutzhaftbefehl auf den Namen Irmgard Sarah Adam.
Margita Schwalbová und Irmgard Konrad
Margita Schwalbová und Irmgard Konrad

„Eines schönen Tages kam einer von der SS…Der Manzi ist es gelungen, mich in diesem Block zu lassen. Das war der deutsche Revierblock, Block 22.“ Sie blieb dann im Revier. „Erst war ich in der Diätküche... Da hab ich die Räume mit saubergemacht, bin mit Tees gelaufen und hab dabei meine Marie-Claude Vaillant-Courturier kennen gelernt, eine…meiner liebsten Genossinnen…Ihr Mann, Paul war der Mitbegründer der Kommunistischen Partei in Frankreich mit Jean Jaurès…haben auch die Humanité gegründet…Marie-Claude, die konnte wunderbar deutsch, sie hat in Berlin ihr Abitur gemacht…Und wie sie aus dem Typhus raus war, hab ich dann ... Orli (Reichert, die Revierälteste) von Marie-Claude erzählt und sie kam auch in die Diätküche. Und so waren wir dann glücklich zusammen…Es hat mein Leben geprägt…ich hatte immer das Glück gehabt, mit wunderbaren Menschen zusammenzukommen, die mir viel gegeben haben, von denen ich viel lernen konnte... Die mir die Kraft vielleicht auch gaben…Aber fragen Sie mich nicht, ob ich mir Gedanken gemacht hab, wirst du es überleben, wirst du es nicht überleben?...Bloß Marie-Claude, die hat immer gesagt: `Ich will es überleben. Ich bin neugierig, wie es nachher weitergeht´“ 1943 hat sich Irmgard dann für den Mischlingstransport nach Ravensbrück gemeldet - auf Anraten ihrer Freundinnen: „Sie war unsere Revierälteste... Das heißt, alles was vom Lagerarzt kam, ging über Orli. Und sie hat dann auch gesagt `Irmgard, mach, dass Du von hier weg kommst. Das kann bei Dir ganz schlimm ausgehen.´ Und aus dem Grund habe ich mich gemeldet als sogenannter Mischling, und bin nach Ravensbrück gekommen.“
Im Lager hatte Irmgard etwas Französisch gelernt, durch Lieder, die sie mit den französischen Kameradinnen sang. Nach der Befreiung wollte sie auf keinen Fall in Deutschland bleiben und schaffte es mit einen Heimtransport französischer Kriegsgefangener nach Frankreich zu kommen. 1928 war ihr Bruder Georg dorthin ausgewandert, ihre Mutter, ihre zwei Brüder Max und Herbert und ihre Schwester Lenchen waren ihm gefolgt. Ihre Mutter, Max und Herbert lebten nicht mehr und ihre Schwester starb 1947 an Tuberkulose. Irmgard durfte sie immerhin wiedersehen und pflegen.
Aber zuerst wurde sie noch einmal als feindliche Ausländerin inhaftiert. Manchmal erzählte sie davon und obwohl das Wieder-Eingesperrtsein schrecklich war, hatte es durchaus auch eine komische Seite: „Stell Dir vor, wir haben uns gesonnt. Wir haben zu Essen gekriegt – nun ja – nicht allzu viel, es gab ja damals nichts und hatten dann nichts zu tun, als in der Sonne zu liegen! Und der Kommandant hat uns immer `meine Damen´ genannt!“
Marie-Claude verbürgte sich für sie. Am 12.9.1945 schrieb sie ihr: „Liebe Irmgard, nur ein Wort, um Dir zu sagen, wie froh ich bin, dass Du endlich frei bist. Ich hatte mir dafür viel Mühe gegeben, weiß aber nicht, ob es damit zu tun hat. Ich bin noch ziemlich müde und magerer denn in Ravensbrück, aber das Leben ist wunderschön. Habe das Glück, meinen Mann und das Kind wiedergefunden zu haben. Furchtbar viel Arbeit gibt es, aber interessant…“ Und am 17. Mai 1947 gab sie eine Erklärung ab, in der sie versicherte, Irmgard im KZ Auschwitz kennen gelernt zu haben, als„...immer sehr hilfreich und kameradschaftlich gegenüber den anderen politischen Häftlingen. In Auschwitz sowie in Ravensbrück, wo wir uns im Jahre 1944 wieder getroffen haben, hat sie sich immer als wahre Antifaschistin gezeigt.“ Mit dieser Erklärung im Gepäck folgte Irmgard im November 1947 ihrem Fritz, der inzwischen in Leipzig lebte.
Marie Claude Vaillant Couturier und Emmy Handke
Marie Claude Vaillant Couturier und Emmy Handke

Ein persönliches Treffen mit Marie-Claude gab es noch nicht, aber all die Jahre schrieben sie sich. Erst am 15. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz trafen sie sich wieder.
Um Manzi zu finden, wandte sich Irmgard Anfang der 60er Jahre an das slowakische Sekretariat der Widerstandskämpfer. Am 29.11.1964 schrieb Manzi, die inzwischen habilitierte Kinderärztin war, Irmgard das erste Mal: „Liebe Kameradin Irmgard Konrad!…Leider kann ich mich nicht an Sie erinnern, was nicht unbegreiflich ist, es sind doch schon 20 Jahre seit der Befreiung vergangen…“ Es wird Irmgard tief getroffen haben, aber so schnell gab sie nicht auf. Mir liegen Kopien reger inniger Briefe ab den 80er Jahren vor.
Alle drei Freundinnen waren stark eingebunden in Familie, Arbeit und politisches Engagement. Endlich im Sommer 1986 kam Manzi nach Berlin – wo die Konrads inzwischen wohnten. Vorher schrieb sie: „Hoffentlich werden wir uns nach so vielen Jahrzehnten erkennen…PS: Zur Sicherheit lege ich ein Photo bei, es ist aber auch schon einige Jahre alt! Auch trage ich Brillen.“ Nach dem Besuch war auch Fritz in die Innigkeit einbezogen. „Liebste Irmgard und Fritz! Mir fehlen einfach die Worte, um auszudrücken, was mir mein Aufenthalt bei Euch bedeutet hat, was er mir gab an menschlichen Werten, menschlicher Nähe und Verbundenheit…“ Da Manzi auch Irmgards Tochter und deren Familie kennen gelernt hatte, wurde von nun an der Werdegang der Enkel genauso besprochen, wie sie mit medizinischen Wissen Irmgards Krankheiten verfolgte und an ihrem und Fritzens Wohlbefinden regen Anteil nahm.
Alle drei Freundinnen waren immer engagiert, hatten aber nun mehr Zeit für einander und Besuche wurden häufiger. Als 1989 Fritz starb, nahmen Manzi und Marie-Claude tiefen empathischen Anteil an Irmgards Verlust. In den Jahren danach gab es dann auch Treffen zu dritt. Und die Begegnungen wurden fortgeführt, solange sie es noch irgendwie schafften, zu reisen.
Die zeitgeschichtlichen Entwicklungen waren immer wieder Thema, auch der Niedergang der real-existierenden sozialistischen Staaten, der ja das Leben von Manzi und Irmgard unterschiedlich und doch grundlegend verändert hatte.
Das Telefon wurde wichtiges Kommunikationsmittel, doch das Briefe-Schreiben verloren die drei nie, immer wieder gab es Briefe, die sich auf Gespräche beziehen. Erreichte eine die andere nicht, schrieb sie ihr, sie solle sich bald melden, da sie in Sorge um sie sei. „ Liebe Irmgard, ich bin sehr beunruhigt. Ich habe Dich mehrere Male angerufen seit Deinem Telefonanruf und es hat niemals geantwortet. Bitte sei so lieb und lässt von Dir hören. Ich umarme Dich, Deine Marie-Claude.“
Tief gerührt haben mich die letzten Briefe von Manzi, die unter großen Schmerzen litt und deren Schrift immer undeutlicher wurde und die dennoch diesen tiefen freundschaftlichen Kontakt auf jeden Fall pflegen wollte. Sie berichtete von ihrem schlimmen gesundheitlichen Zustand, der dazu führte, dass sie nicht mehr allein für sich sorgen konnte. Und zwischendrin ein Brief voller Sorge: “Liebste Irmgard! Dein langes Schweigen (auch nach meinem Telefonanruf) beunruhigt mich sehr! Ich befürchte, dass Du in keinem guten, mit Depressionen verbundenem Gemütszustand bist, den ich aus eigener Erfahrung gut kenne. Ich würde gerne wissen, ob eine konkrete Ursache der Grund dazu ist, denn ich kenne Dich als starken positiven Menschen!...“
1996 starb Marie-Claude 84jährig. Am 30. Dezember 2002 folgte ihr Manzi. Irmgard verließ uns im November 2003.

Lotta Gothe

Vielen herzlichen Dank an Monika Seiffert, die sich der Strapaze ausgesetzt hat, im Nachlass ihrer Mutter zu graben, um diesen Artikel zu ermöglichen und mir zu den Briefen die Abschriften folgender Interviews beilegte:
„Es war wie ein Wunder...“, Die Lebensbilder der Irmgard Adam, für das Radio gestaltet von Dieter Jost, 20.3.1989
Biographieprojekt des Instituts für Sozialgeschichte e.V.: Interview mit Irmgard Konrad am 9.6.1998. Interviewer: Dr. Andreas Eberhardt


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Gratulation an Edith Sparmann

Unsere Kameradin Edith Sparmann wurde am 14. Juni diesen Jahres im Brandenburgischen Landtag mit dem „Brandenburgischen Verdienstorden“ durch Ministerpräsiden Matthias Platzeck ausgezeichnet.
Edith Sparmann bei der Preisübergabe durch Matthias Platzeck
Edith Sparmann bei der Preisübergabe durch Matthias Platzeck

Damit würdigte die Landesregierung Ediths jahrzehntelanges aktives Wirken in unserer Lagergemeinschaft, in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, im Internationalen Ravensbrück-Komitee sowie im Beirat der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten.
Wir gratulieren Edith aus ganzem Herzen und wünschen ihr weiterhin Lebensmut und eine stabile Gesundheit.

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Jutta Pelz-Bergt: „Diese Zeit hat uns sehr an einander gebunden“

Immer wenn Jutta Pelz-Bergt von ihrer Zeit „im Lager“ erzählt, womit eigentlich die Zeit in einem Zwangsarbeitslager und drei verschiedenen KZ gemeint ist, hat ihre „Jugendgruppe“ einen zentralen Stellenwert. Die Mädchen aus der Jugendgruppe haben einander viel Kraft gegeben, der Zusammenhalt in dieser Gruppe hat maßgeblich zu ihrem Überleben beigetragen. Natürlich gab es auch Situationen, in denen die Mädchen „Glück im Unglück“ hatten. Dennoch: Es war eine große Ausnahme, dass so viele Mädchen dieser Gruppe die Freiheit erlebt haben, sagt auch Jutta Pelz-Bergt.
Ruth L., Jutta, Irene, Sophie in den 80ziger Jahren in Israel
Ruth L., Jutta, Irene, Sophie in den 80ziger Jahren in Israel

Die Mädchen, die Jutta meint, wenn sie von ihrer „Jugendgruppe“ spricht, sind Irene, Ruth und Dithel, Sophie, Judith* und Esther. Kennen gelernt haben sie sich Ende der 30er Jahre in landwirtschaftlichen Lehrgütern in Groß-Breesen bzw. in Neuendorf.
Die Schwestern Ruth und Dithel lernte Jutta Pelz-Bergt bereits im Alter von 14 Jahren kennen, in einem landwirtschaftlichen Lehrgut in Groß-Breesen in Schlesien, in dem jüdische Jugendliche mit einer landwirtschaftlichen Grundausbildung auf eine Auswanderung nach Übersee vorbereitet wurden. Nachdem Juttas Bruder am 1. August 1939 als Landarbeiter nach Großbritannien gehen konnte, kam Jutta im Juni 1940 auf Wunsch ihrer Eltern als Praktikantin in das Landwerk Neuendorf bei Berlin. Ab Juli 1941 wurde das Landwerk jedoch zum Zwangsarbeitslager, in das ebenfalls Jugendliche aus anderen Haschara-Gütern eingewiesen wurden (so auch aus Groß-Breesen). Darunter war auch Esther Loewy, die Jutta jedoch nur von weitem sah, da die zionistische Gruppe separat in Baracken untergebracht war. Mit dem letzten Transport aus Berlin wurden alle im Landwerk lebenden Frauen, Männer und Kinder im April 1943 nach Auschwitz verschleppt.

Die Wege der Gruppe aus Neuendorf trennten sich bei der Aufnahme in Auschwitz. Bei der Registratur wurde nach Beruf bzw. Arbeit gefragt. Jutta gab wie viele andere aus der Jugendgruppe „Landwirtschaft“ an, manche entschieden sich für „Fabrik“, andere für „Verwaltung“. Der Zufall entschied, dass diejenigen, die sich für „Verwaltung“ oder „Landwirtschaft“ entschieden hatten, nach ca. 4 Wochen im Frauenlager Birkenau gemeinsam in ein Kommando im Keller des SS-Stabsgebäudes kamen, welches sich weit außerhalb des Lagerkomplexes befand. Die Schlaf- und Arbeitsräume der Mädchen lagen zwar im Keller, aus dem die jungen Mädchen außer zum Appellstehen morgens und abends eine halbe Stunde nie an die frische Luft kamen. Aber es gab einen trockenen und sauberen Schlafsaal, Möglichkeiten zur Körperhygiene und einigermaßen beheizte Räume im Winter. „Im Vergleich zu der Hölle in Birkenau“ kam es den Mädchen „wie ein Sanatorium“ vor, erzählt Jutta. Der Teil der Jugendgruppe, der auf diese Weise zusammenbleiben konnte, begegnete sich am Schlafplatz und beim Appell, gearbeitet wurde in verschiedenen Bereichen: Jutta in der Nähstube, Irene, Ruth und Dithel in der Waschküche, und Judith in der Bügelstube. Sophie kam wegen Typhus erst einige Wochen später dazu.

Als die Mädchen aus Auschwitz verschleppt wurden, waren Jutta und Irene während des gesamten Todesmarsches zusammen, während die anderen immer wieder auseinander kamen. Erst im Ravensbrücker Außenlager Neustadt-Glewe trafen Ruth, Dithel, Sophie, Judith sowie Jutta und Irene wieder aufeinander. Die Mädchen erlebten am 2. Mai 1945 gemeinsam die Befreiung und die erste orientierungslose Zeit danach. Nach über fünf Jahren gemeinsam durchlittener Lagerzeit hatten sich intensive Bindungen entwickelt und zum Teil tiefe Freundschaften gefestigt.

Auch wenn die Mädchen zum Teil recht unterschiedlich aufgewachsen waren. Jutta kam aus einem bürgerlichen, assimilierten jüdischen Elternhaus in Berlin. Das Bewusstsein, einer jüdischen Familie anzugehören, war erst durch die Nazizeit entstanden. Jutta war nicht religiös, sie machte gerne Ausflüge und Wanderungen mit dem „Bund deutsch-jüdischer Jugend“. Einige Mädchen aus der „Jugendgruppe“ waren hingegen überzeugte Jüdinnen und pflegten tiefe religiöse Überzeugungen.
Sophie zum Beispiel. Sie „hatte einen starken Willen und vor allem einen tiefen religiösen Glauben, der ihr die Kraft gab, alle Strapazen besser zu ertragen“. Jutta fühlt sich stark mit Sophie verbunden, auch wenn sie bis heute deren Religiosität nicht teilt. In der Zeit im Lager war Sophie jedoch „der einzige Mensch, der mir durch seine Frömmigkeit etwas gegeben hat“, betont Jutta. Sie beeindruckte durch ihr Einhalten der vielen jüdischen Ge- und Verbote sogar in Notzeiten, insbesondere jedoch durch ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber, ihre immer währende Bereitschaft zur Unterstützung von Hilfebedürftigen.
Sophie ist nach der Befreiung schon im September 45 in Palästina angekommen, gemeinsam mit Judith. Dort hat sie eine Ausbildung zur Lehrerin gemacht. Sie lebt in Jerusalem und hat eine große Familie: 3 Söhne und 20 Enkel. Jutta und sie telefonieren regelmäßig miteinander.

Irene und Jutta Ende der 90 ziger Jahre in Prag
Irene und Jutta Ende der 90 ziger Jahre in Prag

Mit Irene verbindet Jutta seit der Lagerzeit eine tiefe Freundschaft – auch wenn die beiden insbesondere bei religiösen und politischen Themen bis heute überhaupt nicht zusammen kommen.
Irene und Jutta erlebten von Neuendorf an die gesamte Lagerzeit zusammen. Während des letzten Jahres im Stabsgebäude hatten sie sich erst richtig angefreundet. Danach überlebten sie gemeinsam die schlimmsten und verzweifeltsten Wochen: Nach dem Todesmarsch wurden die beiden in Ravensbrück als einzige aus der Gruppe dem Strafblock zugeteilt, sie überstanden diese qualvollen Wochen und den Transport nach Neustadt-Glewe zusammen. „Wir wurden oft für Schwestern gehalten.“ Erst in Mecklenburg kam der Rest der kleinen Gruppe wieder dazu. Das verbindet.

Irene war „die Jüngste von unserer Gruppe“, erzählt Jutta. Sie war in Auschwitz gerade 16 geworden, alle anderen waren damals zwischen 18 und 21 Jahre alt. Jutta fühlte sich für Irene verantwortlich, sie empfand sich als „die seelisch Robustere von uns beiden“. Das lag nicht nur an ihrem jüngeren Lebensalter. Irene hatte in Auschwitz „aus nächster Nähe erleben müssen, wie ihre Familie vergast worden ist und sie allein übrig blieb“. Wie alle anderen aus der Gruppe war Jutta ohne ihre Familie deportiert worden. Sie beschreibt, dass sie „mehr Abstand“ zur Deportation ihrer Eltern und der gesamten Familie gehabt habe, hatte sie dies doch nicht direkt mit ansehen müssen. So hat sich Jutta in Ravensbrück und in der Zeit danach intensiv um Irene gekümmert, hat sich für ihrer beider Überleben eingesetzt. Zum Kriegsende hin war Irene jedoch „immer schweigsamer und nachlässiger“ geworden und Jutta war ratlos, wie sie ihrer Freundin helfen könne. „Statt besonders nett zu ihr zu sein, habe ich sie immer öfter angeschrien“, berichtet Jutta. Doch Irene wurde immer apathischer; sie war auch die einzige, die immer sagte, sie habe Angst vor der Freiheit. Nachdem sie in einem holländischen Sanatorium eine Lungen-TBC überstanden hatte, war Irene 1949 nach Israel ausgewandert. Nach schweren Jahren in der Anfangszeit hat sie eine Ausbildung als Beschäftigungstherapeutin abgeschlossen und 2 Jahres später geheiratet.
Lange Jahre nach der Befreiung hatte Jutta ein schlechtes Gewissen Irene gegenüber. Da sie jedoch das Gefühl hatte, die Zeit des Lagers sei „abgeschlossen“, war sie nie auf die Idee gekommen, sich nach ihr zu erkundigen. Erst 1954, also 9 Jahre nach der Befreiung, als Jutta in Israel zu Besuch war, suchte sie Irene auf. Bei ihrem ersten Wiedersehen haben die beiden „drei Tage und Nächte durchgequatscht“.
Seitdem haben sich die beiden Frauen öfter gegenseitig besucht. Irene lebt heute in Jerusalem in einem Heim mit betreutem Wohnen. Sie hat drei Töchter und 14 Enkel. Jutta und sie treffen sich, wann immer die große Entfernung es zulässt, und halten den Kontakt zwischendurch am Telefon. Jutta beobachtet aufmerksam die politischen Entwicklungen in Israel und hofft inständig auf eine friedliche Lösung im Konflikt zwischen Israel und Palästina. Aus politischer Überzeugung – und für Irene und ihre Familie: „Ich würde es nicht ertragen, wenn Irene noch einmal eine Tragödie erleben müsste.“

Mit den Schwestern Ruth und Dithel war Jutta vor allem nach der Befreiung wieder eng befreundet. Mit Ruth war sie in Brüssel und Dithel traf sie in Hamburg wieder. Bis Jutta 1947 nach Berlin übersiedelte, waren sie oft zusammen. Durch Briefe erfuhr Jutta, dass Dithel einen Polen geheiratet hatte, mit dem sie auch heute noch zusammen ist. Zehn Jahre waren die beiden in Neuseeland, bevor sie in die USA auswanderten, wo Ruth seit 1949 mit ihrer Familie lebte. Sie hatte 1948 in Köln einen deutschen Juden geheiratet und war mit ihm nach Connecticut ausgewandert. Ruth ist dort 1982 gestorben.
In den Jahrzehnten seit der Befreiung haben sich Dithel und Jutta einige Male besucht und halten auch jetzt telefonisch Kontakt. „Wie gut das ist, dass man heutzutage für wenig Geld ins Ausland telefonieren kann“, freut sich Jutta immer wieder.

Zu Esther Bejarano, geb. Loewy, hatte Jutta bis in die 80er Jahre keinen Kontakt. In einem Artikel des „Stern“ über das „Mädchenorchester von Auschwitz“ erkannte sie Esther auf einem Foto wieder und stellte Kontakt mit ihr her. Heute sind Jutta und Esther, die in Hamburg lebt, „richtig eng befreundet“. Sie besuchen sich, wann immer dies möglich ist. Der telefonische Kontakt zwischendurch hält sie auf dem Laufenden über alles, was im Leben der anderen passiert. Auch ihre Reflexionen über das politische Zeitgeschehen können die beiden miteinander teilen. Was nicht bedeutet, dass sie sonst immer einer Meinung seien. Aber das macht ja eine tiefe Freundschaft auch nicht aus.

Gerhild Vollherbst

* In der Jugendgruppe gab es mehrere Ruths. Um sie von einander zu unterscheiden, hat Jutta in ihrem Buch Ruth Liebmann „Judith“ genannt.

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch – Jutta Pelz-Bergt: Die ersten Jahre nach dem Holocaust, Edition Hentrich, Berlin 1997 – und auf Juttas Erzählungen und Ergänzungen.
Vielen herzlichen Dank, Jutta, für deine Unterstützung!


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Ehrendoktorwürde für Gerlind Schwöbel

Am 13. Juli 2006 ehrte der Fachbereich Evangelische Theologie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Gerlind Schwöbel, Pfarrerin i.R. der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, mit der Verleihung der Würde einer Ehrendoktorin der Theologie (Dr. theol. h.c.). Nach der Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande im Jahr 2005 für ihr unermüdliches Engagement zur Öffentlichmachung von Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime erfolgte nunmehr die Würdigung des wissenschaftlichen Werkes von Gerlind Schwöbel. In der Ehrenpromotionsurkunde heißt es dazu: "...für ihre Forschungsarbeit, die dem verdienstvollen Ziel gewidmet ist, Menschen und Traditionen, die im Nationalsozialismus bekämpft, unterdrückt oder vernichtet wurden, dem Vergessen zu entreißen, auf diese Weise unser gesellschaftliches, kulturelles und religiöses Gedächtnis vor folgenschweren Lücken zu bewahren und die öffentliche Auseinandersetzung vor allem über Frauen im Widerstand zu fördern."

Schon als junge Pfarrvikarin in den 1950er Jahren und später als Pfarrerin konzentrierte sie ihre Tätigkeit auf Frauenthemen und -biographien. Seit dem Eintritt in den Ruhestand hat die heute 79-Jährige Lebenswege von Frauen erforscht und solche aufgespürt, die als Christinnen Widerstand gegen das NS-Regime leisteten und deren Wege sich im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück kreuzten, die überlebten oder ermordet wurden. Gerlind Schwöbel hat Lebenswege und Gedanken dieser Frauen in Buchform herausgebracht. Einige der Veröffentlichungen sind in mehrfachen Auflagen erschienen, darunter "Leben gegen den Tod. Hildegard Schaeder: Ostern im KZ" und "Ich aber vertraue. Katharina Staritz - eine Theologin im Widerstand". Gerlind Schwöbel gehörte zudem zu den Initiatorinnen der Ausstellung "Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus", die im Oktober 1998 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eröffnet wurde und bis zum Beginn des Jahres 2006 auf Grund ihres Engagements - zusammen mit Elisabeth Pregadier - an 65 Orten innerhalb Deutschlands gezeigt wurde. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde war eine großartige Hommage für Gerlind Schwöbel, an der im Festsaal des Campus West etwa 300 Gäste teilnahmen.

Sigrid Jacobeit
Fürstenberg/Havel

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Nichts Neues über die "Lichte"

"Die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg ist in ihrem Fortbestand weiterhin hochgradig gefährdet. Das ist ein Skandal und auf keinen Fall hinnehmbar. Und die Zeit ist in diesem konkreten Fall wahrlich nicht endlos, sie drängt und läuft uns im Galopp davon! Und wenn es für die Gedenkstätte in Prettin überhaupt noch eine Zukunft geben kann, ist unverzügliches und verantwortungsvolles Handeln der Landesregierung erforderlich und notwendig. Und das heißt auf den Punkt gebracht: Der dauerhafte Erhalt der KZ-Gedenkstätte kann ausschließlich nur durch eine Übernahme in die Trägerschaft des Landes Sachsen-Anhalt gewährleistet werden. Und diese Übernahme ist wiederum unabdingbare Voraussetzung für die direkte, tatsächliche Aufnahme und Eingliederung in die Gedenkstättenstiftung des Landes." Soweit Gudrun Tiedge von der Linkspartei.PDS in der Debatte des Landtages Sachsen-Anhalt am 06. Juli zum Tagesordnungspunkt 12: " Übernahme der KZ-Gedenkstätte "Lichtenburg" in Prettin in die Trägerschaft des Landes.
Wir erinnern uns: Die Aufnahme der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg in das vom Landtag im Februar 2006 beschlossene Gedenkstättenstiftungsgesetz des Landes, das am 1. Januar 2007 in Kraft tritt, geschah vor allem auf Drängen der Opferverbände, des Zentralrates der Juden in Deutschland sowie der Linkspartei.PDS. Doch das Gesetz hat einen Haken: Voraussetzung ... ist die Übernahme ... in Landesträgerschaft. Diese Übernahme jedoch ist noch immer ungeklärt. Und wenn sie bis Jahresende ungeklärt bleibt, ist der Platz der Lichtenburg im Stiftungsgesetz hinfällig. Bereits am 16. Juni 2006 hatte die 2. Lichtenburgkonferenz in Prettin mit aller Schärfe auf den Ernst der Lage verwiesen. Auch deshalb brachte die Linkspartei.PDS folgenden Antrag in den Landtag ein:

“... Die Landesregierung wird diesbezüglich aufgefordert, die Übernahme durch zügige Vertragsverhandlungen mit dem Bund umgehend zu realisieren.
... Die Landesregierung hat dafür Sorge und Verantwortung zu tragen, dass die Gedenkstätte "Lichtenburg" im Jahr 2006 und damit vor ihrer Übernahme in die Trägerschaft des Landes aufgrund der personellen und finanziellen Situation sowie des baulichen Zustandes nicht geschlossen wird.
... Der Landtag von Sachsen-Anhalt fordert die Landesregierung ferner auf, im Zusammenwirken mit dem Bund zeitnah ein tragfähiges inhaltliches, personelles und finanzielles Konzept mit dem Ziel der Sicherung des gesamten Schlosskomplexes zu entwickeln.”

Der Antrag wurde zur weiteren Beratung in den Innenausschuss verwiesen. Es gibt bis zur Klärung der Trägerschaft keine Landesmittel zum Erhalt der Gedenkstätte. Die Stadt Prettin wird wieder einmal allein gelassen.

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Speziallagerhäftlinge tagten in Potsdam

Am 16. August 2006 fand im Potsdamer Rathaus eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgerichtete Konferenz unter dem Titel „Zukunft braucht Erinnerung! - System und Wirklichkeit der Speziallager in der SBZ/DDR 1945 – 1950“ statt. Gastredner waren unter anderem die brandenburgische Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) sowie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), der anlässlich der Befreiungsfeiern im April 2006 in Sachsenhausen für einen Skandal sorgte, als er im gleichen Atemzug der im KZ von der SS Ermordeten und der Speziallagerhäftlinge gedachte.

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, plädierte auf der Veranstaltung in Potsdam dafür, die sowjetischen Speziallager als „Vernichtungslager“ einzuordnen. Im Laufe des Abends wurde der Leiter der Stiftung brandenburgischer Gedenkstätten, Prof. Dr. Günther Morsch, aus dem Publikum heraus als „Kommunistenschwein“ bezeichnet. Inzwischen hat Prof. Morsch rechtliche Schritte unternommen. Ihm war von Gisela Gneist (Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945 – 1950 e.V.) im Rahmen der Tagung vorgeworfen worden, er habe sich als „Gegner eines würdevollen Gedenkens an die Opfer des sowjetischen Speziallagers offenbart“ und werte diese als Opfer zweiter Klasse gegenüber den KZ-Häftlingen der Nazis.

Der Abend war ansonsten von scharfen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Strömungen der ehemaligen stalinistisch Verfolgten geprägt. Schönbohm bot an, zwischen den einzelnen Gruppierungen zu vermitteln.

Anna Dost

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Beratungsstellen für Opfer rechtsmotivierter Gewalttaten in den östlichen Bundesländern vor dem Aus

"Ich bin in der Nacht spazieren gegangen. Es war heiß und ich konnte nicht schlafen. Da kam dieser glatzköpfige Mann aus dem Dunkeln und beschimpft mich. Er sagte 'Scheiß-Neger', die anderen Dinge habe ich nicht verstanden. Er war aggressiv. Ich rannte los, ein Auto verfolgte mich." Vor einem Jahr wurde Richard O. aus Togo in Brandenburg von drei Männern in einem Auto verfolgt. Im letzten Moment erreichte er die Flüchtlingsunterkunft. Ein Wachmann kam zu Hilfe, Richard. O. blieb unverletzt. Die Verfolger, drei Männer aus einer nahe gelegenen Ortschaft, wurden von der Polizei gefasst. Noch heute steht Richard O. die Angst in den Augen.. In Kürze wird der Fall vor dem Amtsgericht verhandelt. Eine Anwältin und ein Mitarbeiter einer Beratungsstelle für Opfer rechtsmotivierter Gewalt aus Brandenburg werden Richard O. begleiten. Der Togolese ist froh über diese Unterstützung. Gleich nach dem Vorfall hatte der Opferberater aus Potsdam ihn besucht, ihn bei der Anzeigenstellung unterstützt. Später vermittelte er eine Anwältin und eine Therapeutin, die Richard O. dabei half, das Erlebte zu bearbeiten.

Der Fall hat kein öffentliches Aufsehen erregt. Aber: Über 1.000 Opfer rechtsmotivierter Gewalttaten wurden von den acht Beratungsstellen in den östlichen Bundesländern und Berlin im Jahr 2005 beraten. Insgesamt 614 rechtsgerichtete Gewaltstraftaten mit insgesamt 910 Opfern haben sie im gleichen Zeitraum in Ostdeutschland recherchiert. An der Auswahl der Opfer kann man ablesen, dass die Gewalt zielgerichtet ist. Betroffen sind neben Flüchtlingen mit dunkler Hautfarbe meist Jugendliche, die sich in ihrer Symbolsprache – Kleidung, Haartracht – und ihren Handlungen nicht der rechten Subkultur anpassen oder von ihr abgrenzen. Aber auch Aussiedler oder Obdachlose werden häufig Opfer. Rechte Gewalt ist kein ostdeutsches Phänomen, aber gemessen an der Anzahl der Einwohner ist die Wahrscheinlichkeit, als Flüchtling oder Linker Opfer einer rechtsmotivierten Gewalttat zu werden, in Sachsen oder Thüringen deutlich höher als in Baden-Württemberg oder Bayern.

Seit 2001 wurde dieser Entwicklung mit dem Aufbau eines Netzwerkes spezialisierter Beratungsstellen Rechnung getragen. Finanziert werden die Opferberatungsstellen durch das Bundesprogramm CIVITAS. Neben strukturschaffenden Maßnahmen wurden weitere Mittel für kleine lokale Projekte zur Verfügung gestellt, mit denen demokratische Potenziale gegen Rechtsextremismus und Gewalt gestärkt werden sollen. Die Arbeit der Mobilen Beratungsstellen und der Opferberatungsstellen wurden wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse sind, trotz der anhaltenden Gewalttaten von Rechts, positiv. Es ist ein professionelles Netzwerk entstanden, das örtlichen Initiativen und Projekten Impulse gibt.

Das Bundesprogramm CIVITAS läuft aber Ende 2006 aus – den erfolgreichen Beratungsstrukturen und zahllosen kleinen Projekte droht damit de facto das Aus. Es soll zwar ein neues Programm aufgelegt werden, ob der eingeschlagene Weg zur Stärkung demokratischer Strukturen weitergeführt werden kann, ist ungewiss. 19 Millionen, so wurde verkündet, sollen für den Kampf gegen Rechts zur Verfügung gestellt werden. So weit, so gut. Nur: Das Programm wird wahrscheinlich nicht vor dem Frühjahr 2007 anlaufen; die professionellen Strukturen werden durch die Unsicherheit und Finanzierungslücke kaum die qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten können. Und: Das erfolgreiche Herzstück des CIVITAS-Programms, die Mobilen Beratungsteams und Opferberatungsstellen, werden im Rahmen des neuen Programms keine Förderung mehr erhalten. Für eine weitere Förderung der Mobilen Beratungteams und der Opferberatungsstellen seien nun die Länder zuständig. Dort jedoch fehlt das Geld und teilweise auch der politische Wille, die entstandenen Strukturen zu übernehmen. Zur Zeit wird auf Bundesebene geprüft, ob ein anderer Weg beschritten werden kann. Wird keine Lösung gefunden, werden im Januar 2007 die Mobile Beratungsstellen und die Opferberatungsstellen in den meisten Ländern ihre Arbeit einstellen müssen.

Richard O. weiß nichts von diesen Überlegungen und Auseinandersetzungen. Er ist froh, die Opferhelfer in dem anstehenden Gerichtsverfahren an seiner Seite zu wissen. Dass dies bei einem möglichen Berufungsverfahren, einige Monate später, schon nicht mehr der Fall sein könnte, darauf müssen er und viele andere nun von den Beratern vorbereitet werden.

Dominique John

Koordination Civitas-geförderte Beratungsstellen für Opferrechtsmotivierter Gewalttaten
Chausseestr. 29, 10115 Berlin
Tel:030 24045383


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Reaktionen auf die Rechten in Potsdam

Der Verdacht liegt nahe, dass Potsdam eine der im Osten typischen no-go-areas/national befreiten Zonen sei. Doch dies ist nicht der Fall. Potsdam weist einen für ostdeutsche Verhältnisse hohen AusländerInnenanteil auf. Die linke Szene und engagierte Einzelpersonen begründeten eine Reihe antirassistischer Projekte, die die Isolierung von AsylbewerberInnen durchbrechen. Durch die teilweise bis heute (wenn auch nur noch rudimentär) das Stadtbild prägende linke Szene wurde auch die Etablierung einer rechten Hegemonie auf der Straße lange Zeit behindert. Dies erklärt auch eine Besonderheit im Vergleich mit vielen anderen Orten in Ostdeutschland. Rechtsextrem motivierte Überfälle treffen auch in Potsdam alle üblichen Zielgruppen, auffallend häufig jedoch Linke. Zu konstatieren ist, dass die Täter (und Täterinnen) rechter Gewalttaten häufig nicht in Parteien oder Kameradschaften organisiert sind und nur selten über geschlossene und konsistente politische Vorstellungen verfügen. Rechtsextreme Strukturen sind deshalb oft viel schwächer ausgeprägt, als die Statistik der Gewalttaten vermuten lässt. Gewalttaten lassen sich so sehr einfach als „bar jedes politischen Hintergrundes“ darstellen.
Die Bekämpfung und Verhinderung rechter Straftaten besteht darin, AnhängerInnen rechter Ideologiefragmente durch eine autoritäre, extrem deutschnationalkonservative Politik an den rechten Rand der CDU zu binden, um sie so „in die Gemeinschaft der Demokraten“ zu integrieren. Wird die Ebene individueller Gewalt verlassen und erreichen neonationalsozialistische Gruppen ein Organisationsniveau, das militante Aktionsfähigkeit und propagandistische Ausstrahlungswirkung zeitigt, wird mit Polizeieinsätzen und Verbotsverfügungen hart zugeschlagen, was wiederum als Beweis für den konsequente Kampf der Landesregierung gegen Rechtsextremismus gewertet wird.
Die aktuelle Situation in Potsdam ist das Resultat von Ereignissen der letzten zwei Jahre: Am 30.10.2004 plante der Hamburger Neonazi Christian Worch einen Aufmarsch durch die Potsdamer Innenstadt. Während eine von Stadtverwaltung, Parteien und Kirchen organisierte Gegenkundgebung mehr als einen Kilometer von der Aufmarschroute der Nazis entfernt stattfand , blockierten mehrere hundert Menschen unterschiedlichen politischen Hintergrunds und Alters erfolgreich den Weg der Neonazis ins Stadtzentrum. Am Rande dieser Blockade kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und AntifaschistInnen. Diese Ereignisse hatten Konsequenzen: Die OrganisatorInnen der städtischen Kundgebung wurden dafür kritisiert, dass sie der Konfrontation mit den Neonazis aus dem Weg gingen und diesen die Route durch die Potsdamer Innenstadt ermöglichen wollten. Sie reagierten darauf und blockierten bei Worchs nächstem Versuch durch Potsdam zu ziehen (5.11.2005) mit einer städtischen Gegenveranstaltung. Gleichzeitig wurde intensiv nach Beteiligten an den Auseinadersetzungen am 30.10.04 gefahndet und eine Vielzahl von ihnen verurteilt. Im Jahr 2005 verbündeten sich jedoch Mitglieder verbotener Berliner Nazigruppen, die vor dem erhöhten Repressionsdruck in Berlin auswichen, mit der Potsdamer Anti-Antifa. Folge dieser Kooperation war eine Serie von Gewalttaten. Höhepunkt derselben war der Überfall auf den Antifa-Referenten des Freien Zusammenschlusses der Studierendenschaften und seinen Begleiter.
Am 7. August begann am Landgericht Potsdam der Prozess gegen fünf junge AntifaschistInnen. Ihnen wird zur Last gelegt, in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni 2005 einem stadtbekannten Neonazi eine vier Zentimeter lang Platzwunde zugefügt zu haben. Die Potsdamer Justiz nutzte die Gelegenheit zu einem Justizskandal. Der für sein rabiates Auftreten bekannte Staatsanwalt Petersen ermittelte gegen die fünf Antifas wegen versuchten Mordes. War in diesem Fall schon die Mordbehauptung hochgradig abenteuerlich, so setzte die Konstruktion des Mordmerkmals dem Ganzen die Krone auf. Versuchter Mord läge vor, weil die Beschuldigten aus niederer Gesinnung gehandelt hätten. Die „antifaschistische Gesinnung“ der Beschuldigten propagiere die Tötung von Nazis, strebe diese an, heiße sie für gut und sei mithin als eine niedere zu betrachten. Leider stieß diese Behauptung auf keinen Widerspruch bei der Ermittlungsrichterin. Eine Angeklagte saß fünf Monate und fünf Tage in Untersuchungshaft.
Schnell gründete sich ein Soligruppe für die Beschuldigten, um die Gefangene aus dem Knast zu holen, den beängstigenden, mit hoher Haftstrafe drohenden Tatvorwurf zu dekonstruieren und der Kriminalisierung antifaschistischen Engagements Widerstand entgegen zu setzen. Unterstützung erfuhr die Soligruppe dabei von Überlebenden der KZ, KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Landtagsabgeordneten und vielen anderen mehr. Ihre Solidarität half und hatte Erfolg. Nach fünf Monaten und fünf Tagen wurde die Antifaschistin ohne nähere Begründung aus der Untersuchungshaft entlassen. Anfang diesen Jahres wurde der Tatvorwurf auf gefährliche Körperverletzung abgesenkt. Die Arbeit der Soligruppe – und die dringende Notwendigkeit der Unterstützung dieser Arbeit – hat sich damit aber noch nicht erledigt. Zum Beispiel wurde die Behauptung, Antifaschismus sei eine niedere Gesinnung, öffentlich immer noch nicht zurückgenommen worden. Es ist enorm wichtig dafür zu sorgen, dass sich derartige Versuche, Antifaschismus zu verleumden und zu kriminalisieren, nicht wiederholen. Auch wenn die Solidaritätskampagne für die fünf Antifas das schlimmste verhinderte, so hat das Verfahren antifaschistisches Engagement in Potsdam in starkem Maße gehemmt. Und das zu einer Zeit, in der – wie die brutalen Überfälle auf den Antifa-Referenten des fzs, den Agraringenieur Ermyas M. oder eine Berliner Hochzeitsgesellschaft zeigen – antifaschistisches Engagement dringend nötig ist.

Vera Dost/Hannes Püschel

Die Betroffenen sind weiter auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Spenden bitte auf das Konto der:
Rote Hilfe e.V. Potsdam
Postbank Stuttgart, BLZ: 600 100 70
Kontonummer 151907703, Verwendungszweck: soligruppe.

Aktuelle Informationen gibt es unter www.soligruppe-potsdam.de.
Die Soligruppe ist unter folgender Adresse erreichbar: Soligruppe Potsdam, Lindenstr. 47, 14467 Potsdam
oder soligruppe-potsdam@gmx.net.



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Erzählung über das Konzentrationlager

Um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen: Dieses Buch erhebt keinerlei Anspruch darauf, eine pädagogische Handreichung zu sein. Christian Gudehus geht in seiner Studie der Frage nach, wie Führungen in Gedenkstätten strukturiert sind und was sie erzählen. Begriffen wird die Führung von ihm nicht als pädagogische Veranstaltung, sondern als „Ort des kulturellen Gedächtnisses“ (S. 41). Führungen sind in den meisten Gedenkstätten zur nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung das beliebteste Medium, mit dem ein Besuch an der Orten der Verbrechen beginnt. Umso erstaunlicher ist es, dass erst jetzt jemand kritisch danach fragt, welches Geschichtsbild hier vermittelt wird. Gudehus interessiert sich neben dem, was erzählt wird, auch für die Auslassungen. „Was sie [die Guides] in welcher Weise erzählen und welches Bild der Vergangenheit und der zeitgenössischen Gesellschaft dabei konstruieren, ist Gegenstand dieser Arbeit“ (S. 8). Der Autor folgt hier völlig zu Recht der Annahme, dass das Erzählen über Vergangenheit, in diesem Fall die nationalsozialistische Vergangenheit, Auswahlprozessen unterworfen sei. Als Analysematerial benutzte der Autor Audioaufnahmen von Führungen aus den Gedenkstätten Ravensbrück, Dachau, Neuengamme und dem Haus der Wannsee-Konferenz. In einem weiteren Schritt kontrastiert er seine Ergebnisse mit denen der Tradierungsforschung (Harald Welzer). Herausgekommen ist ein spannendes und gut lesbares Buch, dem viele Leserinnen und Leser aus der „Gedenkstättenszene“ zu wünschen sind.

Im ersten Teil des Buches beschreibt Christian Gudehus sein methodisches Rüstzeug: „Annäherung an die Führung“ nennt er sein erstes Kapitel. Im zweiten methodischen Kapitel setzt sich der Autor mit „Gedächtnis und Tradierung“ auseinander, um danach die von ihm aufgezeichneten und transkribierten Führungen vorzustellen und auf bestimmte Topoi hin zu untersuchen, z. B. die Deutung des Holocaust, die Akteure (werden die Täter beim Namen genannt, wird verallgemeinernd von „den Deutschen“, „den Nazis“ usw. gesprochen), wie und mit welcher Intention werden Brücken zur Gegenwart geschlagen, sind diese enthistorisierend?
An einigen Stellen fühlte ich mich, die ich selbst schon als Guide gearbeitet habe, ertappt. Mit anderen Worten: Im besten Fall weiß man selbst sehr wohl um die Intention, die man seinen Erzählungen gibt, auch wenn Führungen immer einer Dynamik der Gruppen- und Kommunikationssituation unterworfen sind. Gudehus zitiert hier einen Guide aus Neuengamme, der nicht nur die „Wissens – und Rollenautorität“ des Guides problematisiert, sondern auch den Duktus, nämlich dass sich diese – moralisch gesehen – auf der „richtigen Seite“ wähnen (S.23). Gudehus spricht von Angemessenheit (S. 25). Es gibt also ein Wissen um das „richtige Sprechen“ (S.27), und den Versuch, eine der normativ gesetzten Aufgaben der Gedenkstätten, nämlich das „Lernen aus der Geschichte“ umzusetzen. Gleichzeitig aber bestehen – und auch das zeigt der Autor – sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was denn, um aus der Geschichte lernen zu können. erzählt werden muss. Die Führungserzählungen der Guides weisen demnach auf vielschichtige Interpretationen hin.
Dass sich nun jemand kritisch damit auseinandersetzt und damit mit Gewissheit nicht nur auf ein positives Echo stoßen wird, macht die Dringlichkeit klar, sich mit einem Herzstück der Gedenkstätten, nämlich den Führungen, auseinanderzusetzen. Zu befürchten ist, dass das Buch – gerade weil es sich aus einer wissenschaftlichen Distanz, die manche gar schon als illoyal empfinden könnten – auf eine reflexhafte Verweigerung trifft. Spannender ist aber sicher eine kritischen Auseinandersetzung der Gedenkstättenmitarbeiterinnen und –mitarbeiter sowie dem erweiterten Umfeld dieser Orte mit den Ergebnissen dieser Studie.

Veronika Springmann

Christian Gudehus, Dem Gedächtnis zuhören. Erzählungen über NS – Verbrechen und ihre Repräsentation in deutschen Gedenkstätten,
Essen (Klartext Verlag) 2006, ISBN 3-89861-568-5, 21,50€.


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Antifa-Kurznachrichten


FIR tagte in Brüssel
Mehr als 60 Delegierte aus 17 Ländern Europas, Israel und den USA haben vom 10. bis 13. Mai an der Konferenz der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) in Brüssel teilgenommen. Im Mittelpunkt der Tagung unter dem Titel „60+1 Jahre Antifaschismus in Europa“ stand das Erinnern und Handeln gegen Neofaschismus und rassistische Gewalt. Auf Einladung der parlamentarischen Gruppe GUE/NGL tagte die Konferenz im Europaparlament. Im einzelnen ging es um die Bewahrung der Erinnerung an den antifaschistischen Kampf und die Zurückweisung aller geschichtsrevisionistischer Verfälschungen sowie die Fortsetzung der Arbeit in den Gedenkstätten, wenn die Überlebenden nicht mehr als Zeitzeugen zur Verfügung stehen. Thematisiert wurden ferner die Auseinandersetzung mit Neofaschismus, Rechtspopulismus und faschistischer Gewalt in den verschiedenen Ländern und die Gewinnung Jüngerer zur Übernahme des Staffelstabes der Erinnerung. „Hier wurde nicht über die Jugend, sondern mit der Jugend gesprochen“, betonte FIR-Generalsekretär Ulrich Schneider. Am Vortag der Beratung besuchten die Delegierten die Gedenkstätte des Fort Breendonk und das Museum des jüdischen Widerstandes in Mechelen und legten Kränze zum Gedenken nieder. Am Abend feierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den 55. Jahrestag der Gründung der FIR. „Der politische Gehalt dieser Konferenz belegt die Bedeutung und Lebendigkeit unserer internationalen Vereinigung“, sagte FIR-Präsident Michel Vanderborght. Vereinbart wurde eine Konferenz Ende September in Moskau, eine Beratung zur antifaschistischen Jugendarbeit gemeinsam mit Vertretern des Europaparlaments und die Unterstützung eines internationalen Jugendtreffens in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald im Frühjahr 2007. (Quelle: www.fir.at)


„Nix gut“ geht in die Offensive
Der wegen des Vertriebes von Anti-Nazi-Symbolen ins Visier der Staatsanwaltschaft geratene Online-Versand „Nix gut“ in Winnenden (Baden-Württemberg) ist in die juristische Offensive gegangen. „Nix gut“-Geschäftsführer Jürgen Kamm erstattete Anzeige gegen vier Staatsanwälte der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen der „Kriminalisierung von Antifaschisten“ und der Gefährdung von zehn Arbeitsplätzen. Die Durchsuchungsaktion der Staatsanwaltschaft und die Beschlagnahme von rund 15.000 Katalogen habe dem Geschäft massiv geschadet, so der bekennende Punk und Antifaschist Kamm. Allerdings hat die Generalstaatsanwaltschaft nach Mitteilung des Versandes die Anzeige bereits abgeblockt. Im Herbst steht die Verhandlung gegen Kamm beim Landgericht Stuttgart an. Wegen des Vertriebes von Aufnähern, Buttons und T-Shirts mit durchgestrichenen oder zerbrochenen Hakenkreuzen wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart ihm einen Verstoß gegen Paragraf 86a des Strafgesetzbuches vor, der die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole verbietet. (Quellen: Agenturen, Spiegel-Online, www.nix-gut.de)


Tagebuch der Anne Frank verbrannt
In Pretzien (Landkreis Schönebeck in Sachsen-Anhalt) haben junge Männer bei einem so genannten Sommersonnwendfest am 24. Juni eine Ausgabe des Tagebuchs der Anne Frank und eine US-Flagge verbrannt. Die Ermittlungen kamen jedoch nur schleppend in Gang – weil offenbar die zunächst mit dem Fall betrauten Polizisten nichts mit dem Werk des jüdischen Mädchens anfangen konnten, das sich zwei Jahre lang in Amsterdam vor den deutschen Nationalsozialisten versteckt hatte, verraten und verhaftet wurde und im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb. Ob die sechs Beschuldigten wegen Volksverhetzung verurteilt werden, ist ungewiss. Die 21- bis 26-Jährigen schweigen zu den Vorwürfen, und die Befragung von Zeugen gestaltet sich nach Medienberichten ebenfalls schwierig. Die Sonnenwendfeier hatte der dörfliche Verein „Heimat Bund Ostelbien“ veranstaltet. Der Direktor des Anne Frank Zentrum in Berlin, Thomas Heppener, berichtete nach einer Bürgerversammlung in Pretzien, dass viele Bewohner „das Tagebuch nicht kennen“ und „es keine Auseinandersetzung mit rechtsextremen Positionen gibt und sich nur wenige für eine vielfältige Demokratie einsetzen“. Das Anne Frank Zentrum plant nun die Präsentation seiner Ausstellung „Anne Frank. Eine Geschichte für heute“ in der Kreisstadt Schönebeck. (Quellen: Die Welt, n-tv.de, Anne Frank Zentrum)

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Für Anni Pröll
(12. Juni 1916 – 28. Mai 2006)

Meine letzte Begegnung mit Anni fand im September 2001 statt - bei der Jahrestagung der LGRF in der Jugendbegegnungsstätte Dachau. Ihr zu Ehren und zur Freude feierten wir an einem Abend ihren 85. Geburtstag nach, es wurden die alten Arbeiterlieder gesungen, gesummt. Es waren die Lieder, die ihre Jugend und ihr späteres Leben begleitet haben. Meine erste Begegnung: das war im Herbst 1983, als die Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück in der Bundesrepublik beschlossen hatten, ihre nächste Jahrestagung in Moringen durchzuführen. Das Städtchen Moringen in der deutschen Provinz war durch die Verleugnung der Existenz dreier Konzentrationslager, erst für Männer, dann für Frauen und später für Jugendliche, und durch die ungeheuerliche Behauptung, die wenigen Juden, die dort lebten, seien an ihrer Vertreibung selbst „Schuld“, damals in die Schlagzeilen, natürlich nicht in der BILD, doch bei Monitor gekommen. Angesichts der Widerstände im Städtchen gegen die geplante Jahrestagung beschlossen die Frauen, mit einer biografischen Ausstellung zu Frauen in Konzentrationslagern an die Öffentlichkeit zu gehen. Das hatte es zu diesem Zeitpunkt in der alten Bundesrepublik noch nicht gegeben. Anni gehörte zu den mutigen Frauen, die diesem Plan zustimmte. Aus Briefen, die sie ihrer Kameradin Hanna Elling , die diese Ausstellung betreute, schrieb, erfuhr ich zum ersten Mal Einzelheiten über ihre Verfolgung und die ihrer Familie. Zutiefst beeindruckt hat mich ein Geburtstagsgeschenk, das sie im Juni 1937– nach 21 Monaten der Isolationshaft im Zuchthaus Aichach und anschließender Überstellung in das Frauenkonzentrationslager Moringen - von ihren Kameradinnen im „Bayernsaal“, erhielt: einen Knaurs Weltatlas mit der Widmung: „ Voriges Jahr um diese Zeit – da war es schwarz um Dich ... Dies Buch soll immer Dich an diese Zeit erinnern. Es ist zwar nur zum Zweck des allgemeinen Lernens, doch soll’s an Deinen Aufbau helfen zimmern.“ Dieses Geschenk gehört für mich zu den wichtigen Zeugnissen des Widerstehens unter KZ-Bedingungen. Es gibt noch eine weitere Begegnung: 2003 war ich mit einer Frauengruppe auf einem Bildungsurlaub in Moringen: U.a. haben wir uns den Film „Anna, ich habe Angst um Dich“ , den ihr Sohn gedreht hat, in der Gedenkstätte im Torhaus angeschaut. Danach gab es lange und intensive Gespräche. Durch die ruhige Kameraführung, nicht unterbrochen durch Fragen, kann Anni ihre Familiengeschichte erzählen: Es ist die Geschichte einer Arbeiterfamilie im 20. Jahrhundert, geprägt von der Utopie eines besseren Lebens in einer sozialistischen Gesellschaft und den vernichtenden Schlägen des Faschismus. In diesem Film bleibt Anni uns Erinnerung . Es sind also noch viele weitere Begegnungen möglich.

Ursula Krause-Schmitt

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Die Ravensbrückerin Doris Bogisch wird 100

„Zum Erinnern an Dich“, so nannte Doris ihre eigenen Zeilen für Rosa Jochmann, die in einem Bändchen, das dieser tapferen Ravensbrückerin aus Österreich gewidmet ist, niedergeschrieben wurden. Heute wollen wir an Dich selbst, liebe Doris, erinnern. Ein solches Jubiläum – 100 - gibt es nur ganz selten und bei Ravensbrückerinnen nur bei sehr wenigen!
Wie gern hätte sich Doris noch mit Ihren Freundinnen Änne Salzmann oder Käthe Jonas getroffen, mit denen sie so viel gemeinsame Arbeit während der Nazizeit, davor und danach verbunden hat!
Als hessisches Arbeiterkind wurde sie am 23. September 1906 geboren. Neben ihren Geschwistern hatte sie eine besonders liebevolle Mutter, die mit ihr viele schwere Jahre teilte. Nachdem sie den Weg in die kommunistische Arbeiterbewegung gefunden hatte, mussten beide oft gefährliche Lebenssituationen meistern. Sie, die immer versuchte, andere zu schützen, musste selbst Verhöre, Prozess, faschistische Gefängnisse und Lager – auch die Lichtenburg und Ravensbrück - kennen lernen. Auch als sie - 1941 amnestiert -aus Ravensbrück entlassen wurde, war für sie die gefahrvolle Arbeit im Widerstand nicht zu Ende. Wieder musste sie fliehen und kam nach Wien, wo ihr Rosa Jochmanns Freunde halfen. Der Kommunistin halfen die Sozialdemokraten.
„Dass ich Dir schreiben kann“, beginnt Doris ihre Erinnerungen an Rosa Jochmann, „verdanke ich Dir ,liebe Rosa, und Deinen Wiener Freunden. Du gabst mir beim Abschied 1941 die Adresse Deiner Schwester Pepperl. Wir hatten dann Verbindung, sodass ich im März 1944 dort illegales Quartier und Heilung fand, einer erneuten Verhaftung entging und am Leben blieb.“ Sie erinnerte sich an den Herbst 1940. als an einem Sonntag im Block 11 ein Theaterstück „von unseren jüdischen Kameradinnen aufgeführt wurde. Es waren kurze Stunden, die uns über all das Schwere hinweghalfen. Aber durch Verrat eines asozialen Häftlings bekamen viele Kameradinnen, die von der Aufseherin benannt wurden, 40 Tage verschärften Dunkelarrest. - Auch unsere Rosl Jochmann, hungernd und frierend in dem grauen Steinblock. Wir waren machtlos, aber nicht untätig, Solidarität hieß es, und wir taten es für die Rückkehr. Auch unserer jüdischer Block 11 wurde hart bestraft: Fenster vernagelt und Essensentzug. Sie waren von allen ausgeschlossen. Sie hatten ihre Olga Benario-Prestes. Sie gab ihnen M ut und Kraft zum Durchhalten. Wir fieberten dem Ende, dem 40. Tag entgegen: Am hellen Tag wankten unsere Kameradinnen aus dem Bunker über die Lagerstraße. Rosl war fast blind, schwach, aber ungebrochen. Und wie froh waren alle Kameradinnen auf dem Block wieder ihre Blockälteste zu haben. Rosl gab es Kraft, denn sie verspürte die Blocksolidarität. Weiter tat sie ihre Arbeit., immer bedacht, alles abzuhalten, was den Block in Gefahr bringen könnte. Rosa war eine gute und unerschrockenen Blockova. Würden die Kameradinnen Tilde Klose, Paula Lohhagen, Maria Fischer und auch noch andere aus dieser Zeit leben, auch sie würden sagen: Rosa Jochmann war eine von den besten Blockältesten in Ravensbrück. Über die Zeit hinaus, verbunden mit dem Schwur von Ravensbrück, eine liebe Kameradin. So verbleibe ich auch immer mit Dir, liebe Rosl, Deine Doris Bogisch.“
Doris überlebte Ravensbrück, die faschistische Diktatur und ging zunächst in ihre hessische Heimat zurück. Jedoch konnte sie auch dort nicht lange bleiben. Später siedelte sie in die DDR über und war eng mit Rosa Thälmann befreundet. Sie nahm an Treffen der Ravensbrückerinnen teil. Ihre Leistungen im Widerstand wurden von der DDR mit hohen Auszeichnungen gewürdigt. Zu Ihrem außergewöhnlichen Jubiläum gratulieren wir Dir von ganzem Herzen und wünschen Dir einen außergewöhnlich, wunderschönen Geburtstag im Kreise der Menschen, die Dich wegen Ravensbrück und allem anderen achten und schätzen.

Bärbel Schindler-Saefkow